Der FSTI-Think Tank – Ein Vertrauensraum mit Impact
Der FSTI-Think Tank – Ein Vertrauensraum mit Impact
Herr Prof. Höptner, Sie leiten den Think Tank des FSTI. Das klingt nach Politikberatung. Wer ist der Adressat?
Prof. Norbert Höptner: Das Ferdinand-Steinbeis-Institut (FSTI) und seine Forschungsarbeit. Wir bringen Themen aus laufenden oder geplanten Projekten ein und holen uns Input von Menschen, die außerhalb des Instituts stehen – handverlesene Personen, die bewusst ausgewählt wurden und ganz unterschiedliche Hintergründe mitbringen. Das klingt abstrakt, ist es aber nicht. Wir haben zum Beispiel einen Bäckermeister im Kreis. Er hat erzählt, dass ein Bagger einmal seine Internetleitung rausgerissen hat. Vier Stunden lang konnten seine Filialen keine Brezel verkaufen, weil die Kasse nicht wusste, was eine Brezel kostet. Und sie konnten auch nicht backen. In dem Fall war es ein Bagger. Schnell kam aber die Frage auf: Was passiert beispielsweise im Verteidigungsfall? Was funktioniert dann noch? Wir haben das plastisch vor Augen geführt bekommen von jemandem, der es selbst erlebt hat. Das ist effektiver als viele abstrakte Warnungen und Hinweise, die beispielsweise die Bundeswehr zu Recht ausspricht.
Beim FSTI heißt das „Real World Impact“. Haben Sie ein Beispiel, wo aus einer Think-Tank-Diskussion ein echter Effekt entstanden ist?
Höptner: Mehrere. In einer der ersten Sitzungen ging es um Sensoren, die in der Mensa sowie bei einer Veranstaltung des Bildungscampus und in unseren Büroräumen verbaut wurden. Wir haben den Mitgliedern erklärt: Dieses Gerät kann so programmiert sein, dass es nur zählt – oder so, dass es einzelne Personen wiedererkennt und verfolgt. Wir haben die zweite Funktion nicht aktiviert. Aber glauben Sie uns das einfach so? Wem würden Sie bei so einem Punkt vertrauen? Das sind Fragen, die wir aus dem Institut heraus nicht hätten so formulieren können. Das geht aber noch weiter. Im Rahmen eines Projekts zur Wasserversorgung in Heilbronn haben wir Sensoren in Wasserleitungen installiert, um Lecks zu erkennen. Für die Teilnehmer des Projekts war es wichtig, nicht überwacht zu werden. Als gemeinnütziges Institut hatten wir mit allen Anwohnern gesprochen und zugesichert, keine individuellen Daten auszuwerten. Irgendwann bemerkte aber ein Kollege, dass in einem Hausanschluss seit einer Woche kein Wasser geflossen war. Nicht auszuschließen war, dass es sich um den Anschluss einer älteren, alleinlebenden Dame handeln könnte. Was jetzt? Auf der einen Seite steht der Datenschutz, auf der anderen die mögliche unterlassene Hilfeleistung. Wir haben für solche Situationen noch keine Standards. In diesem Fall stellte sich heraus, dass nichts passiert war. Aber der Think Tank hat uns geholfen, genau solche Fragen zu schärfen.
Den FSTI Think Tank gibt es seit gut zwei Jahren. Woher kommt die Idee?
Höptner: Als Europabeauftragter des Wirtschaftsministeriums Baden-Württemberg hat mich eine Frage nie losgelassen: Wie bringt man die Gesellschaft dazu, sich mit technologischen Themen ernsthaft auseinanderzusetzen? Nicht alles gut zu finden, sondern sich überhaupt damit zu beschäftigen. Der Social Impact wird auch für die EU immer wichtiger: Was bewirken Forschungsgelder für die Gesellschaft? So entstand das vom Wirtschaftsministerium geförderte Projekt techourfuture, das von 2019 bis 2024 lief – quer durch Corona. Wir haben Veranstaltungsformate entwickelt und wissenschaftlich begleitet, wie Menschen auf Technologie reagieren. Für die inhaltliche Beratung gründeten wir einen sogenannten Interaktivrat. Als das Projekt endete, war klar: Das Institut braucht weiterhin so ein Gremium. Der Think Tank war geboren. Die Themen kommen seitdem von außen an uns heran. Wir abstrahieren sie, suchen die Forschungslücke und kommen dann mit der Lösung zurück.
Am Freitag lautet das Thema Qualität und Resilienz im deutschen Gesundheitswesen. Warum jetzt dieses Thema?
Höptner: Weil das Institut gerade dabei ist, Projekte im Gesundheitsbereich zu formulieren. Das ist das Prinzip: Die Themen kommen aus der laufenden Forschungsarbeit, nicht umgekehrt. Diesmal haben wir zwei Fälle vorbereitet. Besonders interessant ist die care.box, ein Kooperationsprojekt der Schwarz-Gruppe auf dem Bildungscampus hier in Heilbronn. Dieses Telemedizin-Angebot macht ein faszinierendes Phänomen sichtbar. Dieselbe Gesellschaft, die bei der elektronischen Gesundheitskarte fast ausschließlich Datenschutzbedenken anführt, hat bei der care.box offenbar kein Problem damit. Da, wo ich einen großen Nutzen sehe, treten die Bedenken in den Hintergrund. Das ist nicht neu. Aber es ist wichtig zu verstehen, wenn man darüber nachdenkt, wie man das Gesundheitssystem weiterentwickelt. Der zweite Fall betrifft die Frage, wie durch Transparenz über Vitaldaten die Rehospitalisierungsrate in der stationären Pflege gesenkt werden kann. Wie bringt man so etwas gesellschaftlich ans Laufen? Das ist eine Frage, für die wir Input brauchen.
Wie offen gehen Sie mit den Themen um, die im Think Tank besprochen werden?
Höptner: Wenn ich das Format kurz beschreiben soll: Es ist ein ehrenamtlich aktiver Beratungskreis für und mit den Forscher:innen und Mitarbeitenden des FSTI. Interdisziplinär, generationenübergreifend und immer mit dem Ziel, dass alle, die kommen, selbst etwas mitnehmen. Ganz wichtig aber: Der Think Tank ist ein Vertrauensraum. Was nach außen gelangt, entscheiden wir von Fall zu Fall und im Konsens mit den Mitgliedern. Der Grundsatz ist: Es muss wirklich neu sein, gesellschaftlich relevant – und die Mitglieder müssen zustimmen. Was wir sehr gerne kommunizieren: dass das Institut nicht nur im technologischen Sinne forscht, sondern sich intensiv damit beschäftigt, wie Gesellschaft und Technologie zusammenkommen. Ohne Geheimniskrämerei, aber mit dem nötigen Fingerspitzengefühl. Ich freue mich, wenn in der Gesellschaft bekannt wird, dass das Institut nicht nur eine Programmierbude ist, sondern den Dialog sucht und Wissen dorthin bringt, wo es einen Unterschied macht. Dazu braucht es Menschen aus der Gesellschaft, die mitdenken. Der Think Tank ist unser Weg, das zu organisieren.
Zur Person: Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Norbert Höptner
Prof. Norbert Höptner, geboren 1952 in Aschaffenburg, studierte Nachrichtentechnik an der Technischen Hochschule Darmstadt und promovierte 1982 an der Universität Karlsruhe zum Dr.-Ing. Nach Stationen in der Industrie und an der Technischen Universität Hamburg-Harburg wurde er 1989 als Professor an die Fachhochschule Karlsruhe berufen, 1992 folgte er einem Ruf an die Fachhochschule Pforzheim, wo er 1999 das Amt des Rektors übernahm.
Von 2002 an war er als Europabeauftragter des Landes Baden-Württemberg und Direktor der Steinbeis-Europazentren in Stuttgart und Karlsruhe tätig. In dieser Funktion verantwortete er zahlreiche EU-Projekte und initiierte 2015 den Aufbau von Donau-Transfer-Zentren im Rahmen der EU-Donauraumstrategie. Im selben Jahr verlieh ihm die Technische Universität Cluj-Napoca (Rumänien) die Ehrendoktorwürde.
Seit 2018 ist Höptner Professorial Fellow am Ferdinand-Steinbeis-Institut. Seit 2024 leitet er den FSTI-Think Tank, den Beratungskreis des Instituts an der Schnittstelle von Gesellschaft und Technologie.

